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Spacebugs

Spacebugs

Wenn man den Himmel betrachtet, mag er blau und wolkenlos erscheinen, doch dahinter ist die gähnende Schwärze des virtuellen Netzwerkraums, in der ständig ein erbarmungsloser Krieg herrscht.

Es ist ein Krieg, in dem es keine Guten und keine Bösen gibt, Hacker und Verteidiger wechseln je nach Blickwinkel ihre Rollen, Regierungen und Lobbies erobern oder verlieren ihre Vormachtstellung – doch in erster Linie ist es ein Krieg gegen die Bugs, die dunklen, parasitären Kreaturen, die unentwegt auf Zerstörung aus sind und sich unaufhaltsam im ganzen Universum ausbreiten. Woher sie gekommen sind, weiß niemand – man munkelt von einer parallelen Dimension, denn wie sonst kann man ihr unerwartetes Auftauchen an jedem beliebigen Ort erklären? Und dann munkelt man auch, dass die Entwickler selbst die Büchse der Pandora geöffnet und die Pest in diese Welt gebracht haben sollen, doch das sind nur Gerüchte…

Eins ist jedoch klar: wenn die Bugs einmal da sind, verschwinden sie nicht so leicht. Sie müssen unter einem gemeinsamen, zeit- und kraftraubenden, lebensgefährlichen Einsatz aller Kräfte vernichtet werden.

Das ist die Aufgabe der dafür speziell ausgebildeten Entwicklerteams auf der ganzen Welt. Auch die des Teams „Alpha“, das in der Geschichte, die wir hier erzählen wollen, gerade in seiner Einsatzzentrale saß und konzentriert auf seine Bildschirme starrte. Im Hintergrund des Raums waren Monitore angebracht, die den Status der vom Team überwachten Systeme vorwiegend in der Farbe Grün anzeigten.

Ohne Vorwarnung wechselten plötzlich einige der auf ihnen angezeigten Kacheln in ihre Komplementärfarbe und zeigten helles rot an – erst waren es einige wenige, doch dann breitete sich die rote Farbe so schnell wie ein Virus aus.

Alarm ertönte.

Eine Durchsage schallte durch den Raum: „Team Alpha auf die Brücke!“

Einer nach dem anderen glitten die Teammitglieder über die Feuerwehrstange nach unten. Jeder Handgriff war einstudiert und tausendfach für solch einen Ernstfall geprobt. Kaum waren die Gurte der Sessel, in denen das Team in Kampfmontur Platz nahm, geschlossen, als auch schon die mächtigen Triebwerke ansprangen und die Landeklappen eingefahren wurden, während „Debug 404″, das Einsatzraumschiff, an Höhe gewann und die Firewall, die den Planeten als Schutzschild umgab, verließ.

Das internetstellare Wurmloch

Kaum waren sie im freien Raum, steuerten diverse E-Mail Nachrichtensonden auf sie zu. Sie enthielten die aktuellsten Detailinformationen über die betroffenen Systeme: ein massiver Bugausbruch im System „Gamma Draconis“. Die Auftragsschiffe des Kunden kamen nicht durch.

Auf dem Schirm erschien das wettergegerbte Gesicht des Flottenkommandanten des Kunden, Enex Deldate: „Crack! Ich hoffe für Sie, dass Sie bereits unterwegs sind, um dieses Schlamassel zu beheben. Sie haben uns zu 99 Prozent freies Durchkommen zugesichert…“

Der Angesprochene, Captain Crack McZacken, der Teamleiter, antwortete ruhig und ernst: „So ist es, Enex, noch sind wir in dem einen Prozent und bereits unterwegs. Das nächste internetstellare Wurmloch ist gerade freigeworden. In fünfzehn Chronosekunden sind wir am Endpoint.“

„Ich gebe Ihnen zehn!“ antwortete der Kommandant bestimmt, „In einer Centime schließt sich der Firekorridor. Also, wenn sie vorhaben alles zu geben, dann legen Sie noch eine Schippe drauf! Ich möchte alle fünfzehn Chronosekunden einen ausführlichen Bericht. Und noch etwas: packen Sie zusätzlich ein paar Dockercontainer Munition ein – es wird heiß!“

In dem steinharten Gesicht des Veteranen konnte man plötzlich so etwas wie Verzweiflung erkennen.

Kaum war das Bild des Kommandanten verschwunden, beherrschte das riesige Wurmloch Nr. IEEE 802.3 das gesamte Blickfeld. Bläulich pulsierend öffnete es sein riesiges Maul, bereit alles zu verschlingen und auf der anderen Seite verdaut auszuspucken, was ihm zu nahekam. Bei seinem Anblick zogen sich die Mägen der Crew zusammen.

„Koordinaten berechnet: 40 hops bis zum Endpoint des Systems ‚Gamma Draconis‘ – das wird ein wilder Ritt. Haltet euch gut fest!“, rief Matt Poweronoff, der DevOps Engineer grimmig.

„Virtuellen Transfer einleiten. Unsere Branch in den Trunc des Kanals mergen. Let’s rock and roll!“ befahl Crack. Und so schwebte das Einsatzraumschiff zu den langsam anschwellenden Klängen von „Thunderstruck“ von ACDC durch das riesige Portal des Weltraumtunnels, bis es mit einem Mal hineingezogen wurde und als kleiner Punkt am schwarzen Firmament des Weltraums verglühte.

Bug Barbeque

Einen Flug durch den SSH Tunnel kann man sich so vorstellen, als ob alle deine Moleküle auseinandergerissen und dann wieder zusammengesetzt werden, was im Endeffekt auch passiert.

Paralysiert durch den Schlag der Ankunft hing die Mannschaft in ihren Sesseln, jeder mit seinem eigenen, außer Kontrolle geratenen Körper beschäftigt. Stand By, das jüngste Crewmitglied, übergab sich geräuschvoll. Sofort eilten Roboterhelfer herbei, um aufzuwischen.

„Mein Magen verträgt diese SSH-Tunnel nicht. Durch die Ver- und Entschlüsselung der Atome kommt es mir jedes Mal vor, als ob jemand anderes rauskommt als der, der hineingeflogen ist.“

„Wir sind da, das wurde auch Zeit“, sagte Crack, ohne auf ihn zu achten, „Da ist die Traefik-Station. Die leitet uns zu dem Endpoint weiter. Wir haben es hier mit einem virtuellen Sonnensystem der Mittelklasse mit drei Monolith-Planeten, begleitet von bis zu zwölf Microservice-Trabanten zu tun. Dahinter erstreckt sich ein Microservice-Asteroidenfeld. Da sehen wir schon die Raumschiffe des Kunden, die dazwischen hin- und her flitzen. Und…ja, da hinten, bei dem großen Planeten formieren sich einige von ihnen. Sie haben ihre Schilde hochgefahren und stehen unter starkem Beschuss. Das muss unser Problemkind wohl sein…“

„Korrekt“, bestätigte Matt, „Ich schicke ein paar Ping-Drohnen, um den Ausbruch einzukreisen … ah, ok, einige sind nicht zurückgekommen. Das muss der Quadrant 333 sein…“

„Wir müssen das Gebiet noch weiter einschränken. Schicke ein paar Analyse-Log-Sonden über die Datenbankstädte an der Oberfläche…“

„Captain“, meldete sich Dschuhr Figgs, der erste Offizier, „Ich bekomme gerade Nachricht, dass unsere Supporttruppen bereits vor Ort sind. Sie haben erste Analysedaten und leisten Schadensbegrenzung.“

„Gut, haben wir Zeit für die Landung der regulären Update-Infanterie-Truppen?“

„Leider nein, das würde mindestens zwanzig Chronocentimes dauern und die Zeit haben wir nicht.“

„Also direkter Hotfix-Einsatz. Dann lasst uns mal ein paar Bugs grillen. Bring uns runter, Porter!“

Der Angesprochene, Porter Ex, der Interfacespezialist, betätigte einen Hebel, worauf das Raumschiff in den Sinkflug ging und den Atmosphärennebel durchdrang.

„Warn-Selects vorbereiten…Feuer!“

„Keine Reaktion“, bemerkte Sudo Line On, der Frontend-Engineer.

„Dann werden auch komplexe Join-Selects kaum was ausrichten. Ladet die Update-Torpedos und die Insert-Raketen in den Abschussschacht…Feuer!“

Einer nach dem anderen verließen die Geschosse die Abschussrampen des Raumschiffs und hinterließen eine breite Spur der Verwüstung in den anrollenden Bugmassen am Boden. Flyway-Pipelines sorgten für einen stetigen Nachschub der Munition. Doch ganz gleich wie viele der Bugs vernichtet wurden, stetig rückten immer neue von ihnen nach und übernahmen die Positionen ihrer gefallenen Brüder.

Legacy Core Brain Bug

„Es ist, als ob sie all unsere Schritte voraussehen können…Moment mal…ja, das muss es sein – irgendwo da unten ist ein Brain-Bug, da bin ich mir sicher!“ schlussfolgerte Yunique Dump, die Datenbankplanetenexpertin richtig. „Es ist schon ein bisschen her, seit ich das letzte Mal einem begegnet bin. Und ich hatte gehofft, eine weitere Begegnung bliebe mir erspart…“

„Ok, mal sehen, ob seine Aktionen ein Muster ergeben, sodass wir errechnen können, wo er das nächste Mal zuschlägt…“ bemerkte Crack.

Nach ein paar weiteren Versuchen warf aber auch Yunique sichtlich das Handtuch: „Es ist offensichtlich ein Legacy Core Brain Bug – der ist kaum zu kriegen! Hier brauchen wir das S.W.A.T-Team vor Ort. Von hier oben können wir nichts mehr ausrichten. Das Einsatzkommando muss den Brain-Bug ausfindig machen und ihn markieren. Den Rest erledigen wir dann mit den Delete-Torpedos.“

„Ok, ich gebe das ‚Go‘ an das Team. Request committed. Sie sind unterwegs…“

Wenig später landete ein kleiner WLAN-Gleiter in der Wüstenregion unter ihnen.

Die Stimme des Commanders des S.W.A.T. Teams erklang rau und mürrisch auf der Brücke: „Euch ist schon bewusst, dass ihr das Leben meiner Männer riskiert, wenn wir diesen Plan durchziehen?“

„Glaubt mir, wenn es einen anderen Weg gäbe, würde ich ihn gehen, aber es geht nun mal nicht anders, Commander Kiosukis. Nun kommt es auf euch an…“ erwiderte Crack.

„Ok, wir dringen jetzt in das unterirdische Höhlensystem der Bugs vor. Möge Gott uns gnädig sein, die Viecher werden es wohl nicht…“

Eine lange Zeit herrschte Stille. Dann, als Crack bereits dachte, dass etwas schiefgelaufen sein müsste, meldete sich Stand By zu Wort: „Das S.W.A.T. Team hat die Markierung gesetzt, ich kann das Signal deutlich auf dem Radar sehen!“

„Feuer!“ mit diesem Wort leitete Crack ein massives Bombardement ein, das minutenlang anhielt. Als die Rauchwolken sich verzogen hatten, sagte er: „Commander Kiosukis, erbitte Lagebericht, Commander Kiosukis, bitte melden!“

„Hier spricht Commander Kiosukis: das Ziel wurde erfolgreich eliminiert. Ich wiederhole: das Ziel wurde erfolgreich eliminiert!“

Diese Nachricht löste Jubel auf der Brücke des digitalen Raumschiffs aus.

„Gute Arbeit!“ lobte Crack, „Wie immer! Springt in euren Gleiter und dann ab nach Hause – das Feierabendbier wartet!“

Es ist eine Falle!

„Ähm…“ meldete sich Yunique zu Wort und etwas Unheilvolles klang in ihrer Stimme, „Der Gleiter des S.W.A.T. Teams ist gerade ohne Mannschaft gestartet und hält den Kurs direkt auf uns zu…“

„Wie bitte? Wie kann das sein?“

Schon hörte man wieder die Stimme des S.W.A.T. Commanders: „Wir wurden reingelegt! Wir haben einen Major Bug, aber nicht den Brain Bug markiert. Dieser scheint entkommen zu sein, und zwar mit unserem WLAN-Gleiter!“

„Er hält direkt auf uns zu und möchte andocken!“ schrie Porter verzweifelt, „Ich kann das nicht verhindern, es gibt keinen Blockalgorithmus für unsere eigenen Systeme!“

„Er will sich an uns rächen. Man sagt, ein Brain Bug sauge die Gehirne seiner Opfer aus“, warf Stand By ein, „wir müssen das Schiff evakuieren!“

„Jeder bleibt wo er ist!“ befahl Crack, „Wir werden uns ihm stellen.“

„Aber das ist Selbstmord!“ versuchte es Stand noch einmal, doch keiner hörte auf ihn. Langsam drehte sich das Raumschiff, um das Andockmanöver einzuleiten. Wenig später öffnete sich die Einstiegsschleuse und ein monströses Ungetüm kroch ins Innere, wobei es eine Schleimspur hinterließ, die in dem diffusen Licht gespenstisch leuchtete.

„Stopp!“ erklang Cracks felsenfeste Stimme, „keinen Schritt weiter!“

„Was willst du gegen mich ausrichten, Menschenwesen?!“ fragte das Geschöpf auf telepathischem Wege höhnisch, „Ich bin ein Legacy Core Brain Bug. Niemand kann mich aufhalten!“

„Das gilt nur für deine Welt“, antwortete Crack ruhig, „die hast du aus freien Stücken verlassen. Jetzt bist du auf unserem Gebiet – und hier gelten unsere Regeln!“

Mit diesen Worten betätigte er einen Hebel, woraufhin ein pneumatisches Zischen ertönte und Schiebetüren sich von allen Seiten um den Bug schlossen. Ehe dieser sich versah, saß er in einer hermetisch abgeschlossenen Kapsel und Blockchains schlossen sich um seine Glieder. Er tobte voller Wut, konnte aber nichts gegen die Titanwände ausrichten.

„Ihr habt das von Anfang an geplant?!“ Stand By riss erstaunt und vorwurfsvoll die Augen auf.

„So ist es. Commander Kiosukis, wir haben ihn. Vielen Dank fürs Durchhalten. Wir schicken Ihnen den Gleiter per KI-Autopilot nach unten.“

„Verflucht! Jetzt dürfen wir ihn eine ganze Woche lang von dem Schleim reinigen! Aber gut zu hören, dass der Plan aufgegangen ist und wir endlich wegkönnen. Langsam wird es hier richtig ungemütlich.“

Das Einsatzraumschiff startete die Triebwerke und hielt auf das Wurmloch zu, während Crack den Kunden informierte, dass deren Raumschiffe wieder durchkommen können. Als sie an diesen vorbeiflogen, sahen sie den Flottenkommandanten Enex Deldate am Frontfenster stehen. Er salutierte respektvoll.

„Bring uns nach Hause, Matt“, kommandierte Crack, während er sich erschöpft in den Sessel fallen ließ.